Schulleben‎ > ‎

Kinderkunstmuseum 2015

veröffentlicht um 23.09.2015, 06:56 von Online-Redaktion GS Am Homersen   [ aktualisiert: 23.09.2015, 07:39 ]

Bitterkalter Winter im verschneiten Russland. Die Hände sind bis in die Fingerkuppen verkühlt, immer wieder reibt sich Kunstlehrerin Anke Brandt verkleidet als Pawel Pawslowski die Handflächen aneinander, hüpft auf und ab gegen das Bibbern und Zittern. Nicht ein einziges Kind kann sich diesem Schauspiel entziehen, auch die coolsten Jungen müssen ihre Hände anhauchen, um dem aufteigenden Zittern der imaginären Kälte entgegenzuwirken. Dann schreiten wir aus der Herbstsonne durch die Tür des Kinderkunstmuseums und lassen für zwei Stunden die Realität hinter uns.

 „Wer von euch ist denn aus Russland?“, erkundigt sich Pawel auf der Suche nach kompetenter Assistenz. Zögerlich meldet sich Angelina und darf spontan einspringen und die wichtigstens Vokabeln dolmetschen. Ihr Glück kann die Viertklässlerin kaum fassen. „Hier seht ihr gute Pelze. Aus Russland alle. Komm Angelina, wir machen den Marktstand auf und kleiden diese Leute ein!“ Gesagt, getan – wer ein paar Rubel dabei hat, darf die Pelzmützen kaufen. Da dies zufällig nicht der Fall ist, verleiht Pawel großmütig seinen Besitz. Ganz zur Freude der kleinen Museumsbesucher, die mit ihrer Verkleidung schon gar nicht mehr das Gefühl haben, in einem Museum zu sein, sondern mittendrin in einer Zauberwelt.

Da wundert es keinen, dass der Weg durch das Historische Museum in Pawels Heimatdorf mit großen, stapfenden Schritten überwunden werden muss (logisch, es liegt ja überall Schnee).


Angelina hat ihren Job als Pelzhändlerin indes aufgegeben und darf sich zu ihren Klassenkameraden auf die Schlitten setzen, die um den Marktplatz verteilt stehen. Umringt von liebevoll gestalteten Kulissen -  alle in viermonatiger Arbeit erstellt von Kindern der Kunstschule - erklärt uns Pawel, dass wir uns nun in Witebsk befinden. Erst hier kommt erstmalig der Künstler, um den es gehen soll, ins Spiel. Marc Chagall. Keiner ahnt, dass er sich bereits unter uns befindet.

Während Pawel erzählt, taucht im Hintergrund bereits eine Frau mit langen Kleidern und Schürze auf, die an einer Leine vorm Haus Wäsche aufhängt. Kein Kind wundert sich über diese Gestalt, ist zu diesem Zeitpunkt völlig klar, dass hier - bei diesem Museumsbesuch - offensichtlich alles Wundersame passieren kann!

Die Dame heißt im echten Leben Isabel Klausing,  stellt sich heute aber als Marc Chagalls Mutter vor und löst ihren Bekannte Pawel spielerisch ab in der „Museumsführung“. Es wäre zwar eng in ihrem Haus, aber Gäste seien immer willkommen. Und so treten die Kinder in den nächsten Raum – wundervoll dekoriert mit Möbeln, Kissen und Töpferkunst und .... mit Bildern. Über und über mit Bildern verkleidet. Warum? Na, warum wohl?


Langsam aber sicher nähert sich der Vormittag seinem zentralen Thema: Marc Chagall. Zum Schreien komisch geht die Mutter auf Suche nach ihrem künstlerischen, etwas verrückten Sohn. Finden tut sie ihn hinter dem Tisch auf dem Sitzkissen. „Da bist du ja, du Schlingel! Warum versteckt du dich denn?“ Wie zuvor Angelina steckt nun David in der Hauptrolle. Etwas überrumpelt und begleitet durch das Kichern der anderen Kinder meistert er seinen Auftritt souverän. Neben David dürfen noch weitere Kinder eine Hauptrolle übernehmen, immerhin hatte Marc Chagall sieben Schwestern. Zusammen wird gekocht, Tee getrunken, genascht und getanzt. Am Ende wird kein Kind mehr genau sagen können, ob die echten Nüsse oder der imaginäre Tee aus den komplett leeren Tonkrügen besser geschmeckt haben.

Es wird erklärt, wie Marc Chagall seine ersten Bilder malte, wie er sich entwickelte und schließlich nach Sankt Petersburg zog, um sich dort seiner Kunst zu widmen. Mit dem größten Kind als Lokomotive folgt die Eisenbahn aus Kindern durch die Tür, raus aus dem Heimatdorf, über die Brücke der Newe, rein ins bunte Sankt Petersburg. Die atemberaubende Kulisse lässt keinen Zweifel daran, dass hier ein großartiger Abschluss der Geschichte auf die Museumsbesucher wartet.

Jedes Kind darf hier noch einmal selbst zeichnen, sich inspirieren lassen von den Palästen der Stadt. Das bunte Markttreiben wird selbstverständlich ebenso von den Besucherkindern veranstaltet – rasant wechseln die Rollen der Konditorinnen, Krämer, Blumenverkäuferinnen und verliebten Kundinnen, die in zehn Sekunden einen Strauß roter Blumen verlangen. Spielerisch werden die Kinder angeleitet: Kein Streit, kein Meckern, keine Langeweile.

Marc Chagall (mittlerweile über 20 Jahre alt und mit verblüffender Ähnlichkeit zu Pawel) berichtet gerade von seinen Zirkusbesuchen, als der aufgeregte Direktor (erinnert der nicht an Marks Mutter?) auf der Suche nach Aritisten herbeistürmt. Die Kinder wissen genau worum es geht. Wie von Zauberhand eröffnet sich hinter einem Vorhang eine Garderobe mit Kostümen. Gut, das wir das schon beim Projektzirkus im Februar geübt haben und sozusagen Profis sind! Die Vorstellung lebt von Fantasie und Vorstellungsvermögen – gerade deshalb jubelt das Publikum und verlangt Zugaben. Vom Kassettenrekorder dudelt Zirkusmusik im Hintergrund. Egal – es ist das perfekte Finale dieses Vormittags.

Die Hälfte der Kinder sieht noch aus wie kleine Löwen oder Clowns, da spannt Anke Brand den Bogen zwischen Traumwelt und Realität.  „Ich gestehe, ich bin gar nicht Mark Chagall. Ich habe es nur gespielt.“ Haben wir es doch gewusst – die Ähnlichkeit mit Pawel kam nicht von ungefähr. Auch die Kinder waren zwei Stunden lang mehr Schauspieler als Museumsgast. Den Zauber aufdecken will so richtig keiner: „Das war so super! Ich will weitermachen!“ Aber für heute ist Schluss.

Gesagt sei noch: Die Geschichte um den Künstler ist natürlich wahr. Einen Künstler, der die Realität mit seinen Traumwelten verknüpfte, kann wohl kaum schöner vorgestellt werden, als auf dieser unglaublichen Reise durch das Leben des Mark Chagall. Jedes Jahr wird im Kinderkunstmuseum ein anderer Künstler vorgestellt. Mal sehen, in welche Traumwelt die Kinder nächstes Jahr eintauchen dürfen...  

Mehr Foto hier!